Liechtenstein: Kontinuitäten-Diskontinuitäten

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Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Geschichte Mitteleuropas

Kriege, Revolutionen und soziale Umbrüche sind das gesellschaftliche Gegenteil zur Kontinuität, ebenso wie Pest- oder andere Seuchen, Tod oder bloßer Fertilitätsverlust den biologischen Gegner der Kontinuität darstellen. Mitteleuropa erlebte in ihrer älteren und insbesondere dann modernen Geschichte eine unendliche Reihe dieser Diskontinuitätsereignisse und Erschütterungen. Die meisten von ihnen wurden als Schicksalsschlag hingenommen und nur der betroffene Teil der jeweils unmittelbar nachfolgenden Generation strebte in der Regel eine Erneuerung der Kontinuität durch die Rückkehr zum vormaligen – aus seiner Sicht günstigeren – Stand der Restitution von Macht- und Vermögenspositionen an. So ein Geschehen spielte sich in Mitteleuropa auch an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert ab. Die Bemühungen um eine Wiedergutmachung oder Entschädigung von Holocaust, Völkermord und anderen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, grausamen Folgen der Zwangsmigrationen oder Verbrechen des Kommunismus lösten in den mitteleuropäischen Ländern nach der revolutionären Welle des Jahres 1989 ein Bestreben um Abhilfe aus. Es handelte sich stets nur um eine partielle und sehr unvollkommene Abhilfe. Denn es waren nicht die Täter, wer die Schäden gutmachen sollte, sondern die Angehörigen der nächsten Generationen, die mit dem einst begangenen Unrecht nichts zu tun hatten. Darüber hinaus war ihre Vorstellung über die kausale Verknüpfung und die geschichtliche Kontinuität bereits grundsätzlich anders als bei den unmittelbar betroffenen Generationen. Für sie war die „Nachkriegs-“ und „postrevolutionäre“ Kontinuität von Bedeutung, gemeint jeweils in Bezug auf den letzten großen Umbruch. Notwendigerweise entstanden so Spannungen zwischen denjenigen, die sich auf alte Rechte beriefen, und jenen, die eine – sei es berechtigte, sachlich begründete oder verbrecherische – Verletzung dieser Rechte büßen sollten. So wie die Exulanten aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg ihre Rückkehr umsonst forderten, blieben auch die Stimmen der Vertriebenen aus den 40er Jahren oder der Opfer des kommunistischen Terrors der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unerhört. Symbolische Gesten hatten höchstens eine moralische Bedeutung. 

Denn eine längst zerrissene Kontinuität kann man künstlich in historiosofischen Erwägungen wiederherstellen, nicht aber in der realen Welt. Man kann zwar einseitig eine Leugnung der Diskontinuität durch die Schaffung einer neuen Analogie mit den damaligen Verhältnissen (insbesondere dann den Vermögens- oder Machtverhältnissen) anstreben, dies kann jedoch – wenn auch mit einer rechtlichen Argumentation – nur mit Kraft, mit einer Demütigung derjenigen erreicht werden, die in einer anders aufgefassten Kontinuitätsverankerung der Gegenwart leben. Die Geschichte ist manchmal ungerecht und lehnt es ab, an die unterbrochene Kontinuität anzuknüpfen, wenn sie nicht wieder vergewaltigt wird. Hat es jedoch Europa, das am Anfang des 21. Jahrhunderts mit Bevölkerungswandlung, Wirtschaftskrisen, Erschöpfung von Rohstoffquellen und einer Abschwächung im weltweiten Vergleich konfrontiert ist, nötig, inmitten des Kontinents neue Konflikte nur aus dem Grund hervorzurufen, dass es Stimmen gibt, die eine Anknüpfung an eine längst erloschene geschichtliche Realität verlangen? 

Aus dem Vortrag von Univ.-Prof. Jaroslav Pánek

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